Die Heuschrecken Deutschlands und Nordtirols

Bestimmen – Beobachten – Schützen

 

Um es gleich vorweg zu nehmen. Mit dem neuen Bestimmungsbuch über die Heuschrecken Deutschlands und Nordtirols steht für den bearbeiteten Raum ein exzellentes Werk zur Verfügung. Zu Beginn leitet ein allgemeiner Teil in die wichtigsten Merkmale, in die Biologie und die ökologischen Ansprüche der Heuschrecken ein. Auch Erfassungsmethoden werden kurz besprochen und dem Thema Heuschrecken im Naturschutz wird ein Kapitel gewidmet. Selbst wenn die Themen nicht ausführlich behandelt werden, sind stets die wichtigsten Informationen für den Einstieg und ein bisschen mehr enthalten. Trotz der kurzen Abhandlung der einleitenden Themen, beanspruchen diese die ersten 100 Seiten des Buches. Geschuldet ist der Umfang aber weniger dem Text als viel mehr der guten und ausführlichen Bebilderung. Die Gestaltung lässt dem Inhalt Raum und wirkt nicht überladen, was sehr zum Lesen und Studieren der Visualisierungen einlädt.

Der zweite Teil umfasst die Bestimmungstafeln und die Artporträts. Die Bestimmungstafeln in Form eines Flussdiagramms sind gewöhnungsbedürftig, funktionieren aber vermutlich bei der überschaubaren Anzahl von 85 Arten einigermassen gut. Was die Praxis jedoch noch zeigen muss. Aus eigener Kurserfahrung sind gewisse Unterscheidungskriterien wie z.B. die Form der Gehöröffnung bei den Langfühlerschrecken ein mässig feldtaugliches Kriterium für Einsteiger. Weshalb zur Unterscheidung der Phaneropterinae die Fühlerlänge herangezogen wurde, ist eher speziell. Nicht auf geschlechtsspezifische Merkmale zurückgreifen zu müssen, ist nachvollziehbar. Allerdings sind die Fühlerspitzen nicht selten abgebrochen, weshalb andere Merkmale wie Flügellänge, Form der Cerci und Legeröhre konsistentere Merkmale gewesen wären.
Bei den Kurzfühlerschrecken ist besonders der Teil mit den Gattungen Omocestus, Stenobothrus, Chorthippus und Stauroderus gut gemacht. Den Einstieg hätte man auch etwas anders aufbauen können. Beispielsweise tauchen die Kurzfühlerschrecken mit verdickten Fühlerenden erst sehr weit hinten im Schlüssel auf.
Immerhin kann die Bestimmungstafel als Faltblatt herausgenommen werden, so dass nicht ständig zwischen den Artporträts und dem Bestimmungsschlüssel hin und her geblättert werden muss. Was allerdings enorm nervt und was dem Buch fast als grösstes Manko anzukreiden ist, betrifft die Tatsache, dass dieses Faltblatt z.B. im Buchdeckel keine Fixiermöglichkeit hat. So fällt dieses Blatt ständig aus dem Buch, wenn man es aus dem Gestell oder der Tasche nimmt. Im Feldrucksack wird es dabei schnell mal beschädigt. Das ist sehr schade!

Die Artporträts sind wie ein gutes Artporträt eben sein soll. Auf der rechten Buchseite sind Männchen und Weibchen der Art mit guten, aber auch sehr schönen, Fotografien gross dargestellt. Wichtige Merkmale wurden zusätzlich mit Detailfotos vergrössert und mit kurzen Legenden markiert. Manchmal wirken die vielen Pfeile, Textboxen und Detailfotos etwas unruhig, worunter natürlich die schönen Fotos leiden. An den Fotos lässt sich höchstens kritisieren, dass viele etwas dunkel sind, was möglicherweise auch auf den Druck zurück zu führen ist. Zudem stört die immer wieder gewählte Perspektive. Oft sind die Fotos genau parallel von der Seite gemacht oder sogar leicht von unten fotografiert. Für meinen Geschmack muss ein Bestimmungsfoto eher leicht von oben aufgenommen sein. So ist beispielsweise bei den Kurzfühlerschrecken der Verlauf der Halsschildseitenkiele häufig nicht erkennbar. Interessant ist der Versuch die Grössenangaben nicht nur in mm zu nennen, sondern diese auch visuell in einem Balkendiagramm darzustellen.
Auf der linken Doppelseite befindet sich die Artbeschreibung, wobei die Verbreitung für Deutschland in einer Karte dargestellt wird. Für Nordtirol hat es jedoch nur für eine sehr grobe Klassifizierung gereicht, die nett aber für den Feldbiologen leider wenig hilfreich ist. Dazu aber später noch ein paar Worte.
Der Text ist sehr gut und korrespondiert einwandfrei mit den markierten Details auf den dazugehörigen Fotos. Nur hin und wieder vermisst man Unterscheidungsmerkmale im Text. Die Gesänge werden beschreibend behandelt, eine Audiodatei wird nicht mitgeliefert.

Dass der geografische Rahmen auf Nordtirol ausgedehnt wurde, wirkt etwas gesucht und willkürlich. Man hat den Eindruck, dass lediglich noch ein paar attraktive Arten dazugepackt werden wollten, die in Deutschland fehlen, um das Buch aufzupeppen. Besonders, da kürzlich ein umfassendes Werk für das gesamte Tirol publiziert wurde. Komisch auch, dass Nordtirol auf der Verbreitungskarte keinen Platz gefunden hat.

Abgerundet wird das Buch durch Kommentare zu ausgestorbenen Arten bzw. solchen die auf Verschleppung zurück zu führen sind und keine rezenten Vorkommen bilden. Eine Fotogalerie stellt ein Grossteil der besprochenen Arten als Larven dar. Zur Identifikation von Larven kann diese Galerie jedoch nicht herangezogen werden, da immer nur ein willkürliches Stadium gezeigt wird. Die Fotos geben höchstens einen Eindruck von der Schwierigkeit bei der Bestimmung der Larven. Vermisst wird dabei eine Angabe zum Larvenstadium, was besonders für den Einsteiger ein wichtiger Hinweis ist.

Fazit

Das Buch ist absolut Pflicht für jeden, der sich im deutschsprachigen Raum mit Heuschrecken beschäftigt und eine sehr gute Einstiegshilfe für interessierte Naturbeobachterinnen und Naturbeobachter. Es ist mit schönen Fotos reich bebildert, ansprechend gestaltet und hat ein praktisches Format, das auch feldtauglich ist. Zur Visualisierung wird konsequent mit Fotos gearbeitet, die aufwändig freigestellt wurden. Natürlich wären da und dort Zeichnungen hilfreich, bei dem überschaubaren Spektrum von 85 Arten, ist das jedoch nur selten der Fall. Die angebrachte Kritik ist auf hohem Niveau zu verstehen. Insgesamt ist das Buch von sehr hoher fachlicher Qualität und weist keine offensichtlichen Fehler auf.

(Florin Rutschmann, 30.09.2016)

3.8/5 Bewertung (32 Stimmen)

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