Transkarpatien 2007
Kurzbeschrieb der Reise
Wir waren samt Anreise vom 15.07.2007 bis 05.08.2007 unterwegs und legten dabei 1114 Km mit dem Tadem zurück.
Košice (SK) - Uzhorod (UA) - Svaljava (UA) - Ust-Corna (UA) - Chust (UA) - Mukaceve (UA) - Nyirbator (HU) - Hajdúnánás (HU) - Tokaj (HU) - Košice (SK)
Angaben zum Fotografen

Florin Rutschmann
Seit Jahren stellt er mit Makro-Objektiv und Kamera den Heuschrecken nach, mit dem Ziel, möglichst alle Arten Europas eines Tages dokumentieren zu können. Neben seiner Tätigkeit bei Orthoptera.ch arbeitet er als Projektleiter im praktischen Naturschutz.
2007.07.21 - Tagesstrecke: 77 km
Nach einer erholsamen, gut klimatisierten Nacht im Hotelbett, packen wir wieder unsere Satteltaschen. Langsam haben wir Routine, so dass jeder weiss, wo und wie welcher Ausrüstungsgegenstand verpackt werden muss. Länger dauert es bis die Hotelangestellten unser Tandem aus den Wirren der Hinterzimmer wieder hervorzaubern. Es ist noch immer früh, erst 7:30 Uhr als wir losfahren und manch einer, der im Halbschlaf zur Arbeit wandelt, muss sich - dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen - tatsächlich wieder am Träumen geglaubt haben, als unser Gefährt im Blickfeld aufkreuzt.
Kaum haben wir die Grossstadt hinter uns gelassen, sind wir wieder in der schönen Kulturlandschaft unterwegs, in der Wälder durch extensiv genutzte Landwirtschaftsflächen und kleiner Dörfer unterbrochen werden. Es sind dies fast reine Buchenwälder (Fagetum sylvaticae), die weitestgehend frei von Unterwuchs sind und sehr produktive Hallenwälder bilden. An einer gefassten Quelle halten wir an, um die Wasserflaschen aufzufüllen. Zwei Männer sind schon dabei, unzählige 5 Liter Kanister in dem mageren Wasserstrahl zu füllen, was schon mal einige Stunden dauern kann. Aber die Zeit scheint hier anders zu ticken als wir es uns gewohnt sind. Freundlich, wie es die ukrainische Art zu sein scheint, lassen sie Florin mit seiner mikrigen Flasche vor. Im Städtchen Perechyn (Перечин) angekommen, versuchen wir wieder einmal Käse zu bekommen. Petra geht in einen kleinen Dorfladen, um nachzusehen, ob wir hier möglicherweise einen Treffer landen. Die junge, lebenslustige Verkäuferin erkundigt sich sogliech voller Neugier, wo wir denn herkommen und vor allem was wir hier machen. Als sie mitbekommt, dass wir Ferien machen, also als Touristen unterwegs sind, kann sie es fast nicht glauben. Touristen aus der Schweiz! Sie ist richtiggehend begeistert und gibt auf den Käse auch gleich noch etwas Rabatt.
Eine weiter lustige Begegnung haben wir am Nachmittag. Die Dörfer sind mittlerweile immer kleiner, die Häuser immer einfacher und urtümlicher geworden, doch der kleine Tante-Emma-Laden gehört ebenso zu jedem Dorf wie mindestens eine blitz-blanke Kirche. Der Dorfladen ist oft gleichzeitig auch die Dorfbeiz, wo das Bier und sonstige alkoholische Getränke in rauhen Mengen fliessen. Die Läden selbst, sind was Nahrungsmittel betrifft eher spärlich ausgestattet, wobei immer das Regal mit dem Alkohol dominiert. So fahren wir fast jeden Laden an, um nachzusehen, ob die vielleicht etwas Brauchbares führen. So können wir im Laufe des Tages stets alle unsere Bedürfnisse decken. Nach einer angenehmen Passfahrt halten wir in Olen'ovo (Оленьово), einem kleinen, verschlafenen Bauerndorf an, um nach zu sehen, ob es Eis gibt. Drinnen sitzt eine Gruppe von fünf Frauen an einem abgewetzten Holztisch. Die leicht angeheiterte Runde zeigt grosses Interesse an uns und alle reden wild durcheinander auf uns ein, wie auf einen kranken Esel. Da die Verständigung sehr schwierig ist, kommt bei den Frauen die Idee auf, dass wir nach Uzhorod wollen. Eigentlich wollten wir nur erklären, dass wir eben von dort kommen. Florin eilt mit der Landkarte hinzu, in der Hoffnung das Missverständnis aufzuklären und Ordnung in das heilige Durcheinander zu bringen. Doch die gute Absicht zeigt sich als weitere Requisite in dieser Komödie. Erst nach längerem Stutzen und Staunen über den Umgang mit der Landkarte, bemerken wir, dass die Frauen offensichtlich weder lesen noch schreiben können. Sie streiten sich lauthals um das gute Stück Papier, wobei sich jede eine freie Ecke schnappt, daran zieht und wild gestikulierend mit dem Zeigefinger in ihrer Ecke herumfuchtelt, um uns glauben zu machen, dass sich in ihrem Eck die Stadt Uzhorod befindet. Uzhorod lag aber in keiner der von ihnen prognostizierten Ecke, erst versuchen wir die Sache mit der Stadt richtig zu stellen, doch das provozierte laufend noch grösseres Gezeter, also spielen wir mit!
Eine Frau, die sich in diesem ganzen Tumult immer etwas zurückgehalten hatte und versuchte ihre Kolleginen zu beruhigen, knüpft sich Petra vor und will, dass sie sich die Adresse ihrer Schwester in Uzhorod notiert. Die Frau diktiert eine Zeile nach der anderen und Petra, die davon kein einziges Wort versteht, reiht einen ganzen Wald willkürlicher Hieroglyphen auf den Papierschnippsel. Die Frau ist zufrieden und die erregten Gemüter beruhigen sich langsam. Die Szene ist äusserst lustig, doch dann setzt jene, die sich am wehementesten um die Karte ereiferte noch einen drauf. Sie verschwindet hinter der Ladentheke und fördert eine grosse, alte Hornbrille unter dem Abakus zutage, die zwar der Landenbesitzerin gehört, doch auch sie erweckt damit einen sehr Staatsmännischen eindruck. Damit lässt sich die Karte auch viel besser studieren und ihre Prognose erhält eine ganz andere Bedeutung beigemessen! Wir müssen uns ernstlich konzetrieren, um nicht lauthals zu lachen, besondes da sie die Karte auch noch auf dem Kopf betrachtet. Schlieslich bekommen wir die leicht lädierte Landkarte wieder zurück und können aufbrechen. Nur - sie weisen uns nun alle schön brav in Richtung Uzhorod, da sind wir aber erst vor ein paar Minuten her gekommen, was jetzt?
Da wir einen Aufstand befürchten, wenn wir nicht in Richtung Uzhorod losfahren, zeigen wir noch ein paarmal auf den Zettel mit der Adresse in Uzhorod und fahren in die angewiesene Richtung zurück. Es dauert auch nicht lange, bis sich die Frauen wieder in das Lokal an ihren Stammtisch zurück ziehen. Also drehen wir um und saussen wie von der Tarantel gestochen an dem Laden vorbei. Der Trick funktioniert und wir können in Ruhe unsere Route fortsetzen.
Abends kommen wir in Uklyn (Уклин) an und sehen an einem Fluss einige Zelte stehen. Unschlüssig fahren wir erst weiter, da es aber nirgends nach einer Möglichkeit zum Zelten aussieht und sich vor uns die nächste Passfahrt eröffnet, drehen wir um und bauen unser Zelt bei den einheimischen Wochenendausflüglern auf. Kaum haben wir das Zelt aufgestellt, kommen zwei Herren vorbei, mit denen wir uns zuvor unterhalten hatten. Sie sind eiligst zum nächsten Hotel gefahren und haben uns einen Prospekt besorg, für den Fall, dass wir doch etwas nobler übernachten wollten.
Die Zelte gehören Ukrainern, die an dem Flüsschen Mala Pynia (Мала Пиня) das Wochenende verbringen. Einer davon ist Edi, ein 27 Jahre alter, ziemlich betrunkener Zeitgenosse. Wir müssen uns eine gute Stunde in höchst anstrengender Unterhaltung üben, einerseits aufgrund seines Zustandes andererseits auch der schwierigen Verständigung wegen. Er kann einfach nicht akzepiteren, wie die meisten Leute, mit denen wir uns zu unterhalten versucht haben, dass wir ihn nicht richtig verstehen können und wiederholt alles geduldig eins ums andere Mal.
Dann ist klar, falls wir Probleme irgendwelcher Art hätten, sollen wir uns bei ihm melden, damit er sich der Sache annehmen kann. Mit diesen Worten torkelt er wieder zu seiner Familie ans Feuer zurück.
2007.07.22 - Tagesstrecke: 78 km
Den gestern schon kurz angefahrenen Berg treten wir am Morgen mit leerem Magen, aber frischen Kräften hinauf. Oben soll sich laut unserer Karte ein Restaurant befinden und wir phantasieren bereits über unser Frühstück mit Kaffee und vielleicht sogar einem Gipfeli vor. Doch daraus wird nichts! Erst will der von unten als harmols erscheinende Hügel einfach nicht mehr enden. Oben angekommen, gibt es zwar eine schöne Aussicht und eine frisch gestrichene, rosa Bushaltestelle, sonst herrscht jedoch absolute Stille, von einem Kaffee weit und breit keine Spur. Etwas enttäuscht und halt immer noch ohne Frühstück düsen wir den Berg auf der anderen Seite wieder hinab.
Da der Magen langsam nach Nahrung schreit, halten wir unten an einem Bächlein an und frühstücken unsere alten Brote mit etwas Gummikäse. Den Kaffee gönnen wir uns ein paar Dörfer weiter in einem kleinen Laden in Pidpolozzia (Пiдполоззя).
Dieser Tag ist eine einzige Berg und Talfahrt. Natur und Landschaft kann hier wirklich faszinieren. Es ist zwar unglaublich heiss aber die Bäume spenden angenehmen Schatten. Ausserdem ist es ausserhalb der Dörfer einfach still (ausser wir werden gerade von einem dieser stinkenden Ladas überholt). Diese Ruhe tut gut und unsere Gedanken haben alle Zeit der Welt um zu kreisen und zu träumen.
Wenn wir so durch die kleinräumige, strukturreiche Landschaft und die urtümlichen Dörfer fahren, kommen wir uns jeweils wie in einem riesigen Freilichtmuseum vor. Entlang der Strasse der Moderne auf einer Reise durch die Vergangenheit. So muss die Landwirtschaft auch in der Schweiz vor der Agrarrevolution Anfangs bis Mitte des 20. Jahrhunderts funktioniert haben. Mähmaschinen und anderes schweres Landwirtschaftsgerät sind kaum gegenwärtig, stattdessen bestimmt die Sense den Arbeitstag. Nur hie und da sind in der Idylle Elemente der Moderne auszumachen, so ist das Mobiltelefon bei den jüngeren Generationen längst kein Fremdwort mehr.
Hier gibt es sie endlich, die bekannten Holzkirchen der Karpaten, welche ohne metallische Nägel errichtet wurden. Sie zählen zu den ältesten Holzkirchen in Europa, deren Wurzeln teilweise bis ins 10. Jahrhundert zuräck reichen. Es sind verschiedene Baustile anzutreffen, die auf die traditionelle Architektur der Huzulen, Bojken und Lemken hinweisen. Oft stehen die Kirchen am Dorfrand auf einem kleinen Hügel, so dass sie leicht übersehen werden. Viele der historischen Zeugen wurden arg vernachlässigt oder gar demontiert.
Am Nachmittag kommen wir nach einer schönen Bergabfahrt nach Soimy, ein typisches Karpatendorf an dessen oberen Ende ein riesiger, hässlicher Neubau tront. Ob das Ding eines Tages als Hotel oder als Sanatorium funktionieren soll, ist noch nicht ersichtlich, aber es passt wie die Faust aufs Auge in diese Kulturlandschaft. Kurz darauf erreichen wir Mizhhiria (Мiжгiр'я). Hier soll es laut unserer Karte ein Hotel geben. Nach einigem Suchen finden wir ein knallgelbes Haus mit Готелi (Hotel) angeschrieben. Die ganze obere Etage ist neu und modern ausgebaut und wir bekommen eines der edlen Zimmer für 200 Hryvnja (± 27 €), was hier ein ganz schön stolzer Preis ist. In der Nacht wachen wir auf und sind froh, dass wir nicht im Zelt liegen. Ein riesen Knall hat die Luft regelrecht zerrissen und es beginnt heftig zu gewittern und zu regnen.
2007.07.23 - Tagesstrecke: 68 km
Am frühen Morgen sammelt sich die Feuchtigkeit der Nacht in Nebelschleiern zusammen und steigt auf. Der Nebel und die wandernden Sonnenflecken lassen den ausgedehnten Nadelwald als Märchenlandschaft erscheinen. Es ist spürbar kühler als die letzten Tage und wir fahren Richtung Komsomol's'k "Deutsch Mokra" (Комсомольськ).
Am Fusse des ersten Berges frühstücken wir an einem kleinen Tisch in Mitten einer Strassenkreuzung. Gegenüber wartet ein Fischzüchter auf besseres Wetter und kommt interessiert unser Tandem begutachten. Dann geht es bergauf. Bis auf knapp 900m ü. M. strampeln wir hinauf. Es ist ein langer Anstieg, aber es lohnt der Mühen. Oben empfängt uns eine schöne Blumenwiese und erstaunte Gesichter, die nicht verstehen wollen, dass wir ausgerechnet hier mit dem Fahrrad herum fahren müssen. Die Landschaft mit den sanften Hügeln erscheint in schönem Licht zwischen den dampfenden Wolken. Die Abfahrt jagt uns Gänsehaut ins Gesicht, da uns der kalte Fahrtwind auf dem Schweiss der Hochfahrt schlottern lässt. Die Strassen werden fast mit jedem gefahrenen Kilometer schlechter. Erst sind es nur grosse Löcher im Teerbelag, dann kommen immer grösserer Teile unbefestigte Strasse, bis wir schliesslich nur noch auf Schotter fahren. Die Lastwagen, welche für den Holztransport benutzt werden, haben derart grosse Räder, dass ihnen ein paar Unebenheiten nichts anhaben können - aber wir, wir werden einfach nur richtig duchgeschüttelt. Florin braucht alle Konzentration zum Lenken und Petra um sich bei den schlimmsten Löchern rechtzeitig an den Sitz zu klammern. Während der Mittagspause fällt uns plötzlich auf, dass irgendetwas mit der Karte nicht stimmt. Auf jeden Fall stimmt die Umgebung nicht mit der auf der Karte überein. Tatsächlich, wir müssen eine Abzweigung verpasst haben, zähneknirschend fahren wir die letzten 10Km wieder zurück.
Zwischendurch wird unser Gefährt bei einer Pause von drei Kindern samt Vater überfallen, die unbedingt ein Familienfoto auf dem Tandem machen wollen und sich daher alle ohne zu zögern auf die Sitze stürzen.
Zurück im Dorf Kolochava (Колочава) finden wir tatsächlich die verpasste Abzweigung, sogar handschriftlich auf einem Strassenschild vermerkt. Auf der Karte ist die Strasse als dicke Hauptstrasse eingezeichnet, wie wir sie in den letzten Tagen ständig gefahren sind. Doch diese hier hat eher den Charakter eines Feldweges. Das lässt uns immer wieder stark zweifeln, ob wir wirklich richtig sind und nicht wieder falsch fahren. Wir müssen teilweise absteigen und schieben. Dann an einer Kreuzung bestätigt uns ein Ukrainer, dass wir richtig sind, aber auch, dass wir bis zum Pass des vor uns liegenden Berges mit diesen schlechten Strassen rechnen müssen und erst einige Kilometer hinter dem Berg wieder befestigte Strassen zu finden sind. Zwar keine schöne Aussicht aber immerhin absehbar, denken wir und schieben weiter bergauf. Es sind schon gar keine Strassen mehr, sondern eher Wanderwege, die Fahrrinnen sind stark ausgewaschen und teilweise knietief, da nützt auch ein Allrad-Lada nichts mehr. Petra gibt das Schieben relativ bald auf, die Hitze, das Gewicht – puh!
Dann erreichen wir die Passhöhe auf etwas über 900m ü. M. Es ist ganz abgelegen, keine Spuren von anderen Menschen, dafür die Aussicht umso faszinierender. Insgeheim fragen wir uns, wo sich in diesem unedlichen Wald wohl die nächste fahrbare Stasse befindet und hoffen, dass diese nicht erst mit den nächsten Siedlungen auftaucht, denn soweit das Auge reicht, sind zivilisatorische Spuren nirgends aus zu machen. Leider will der Weg einfach nicht besser werden, ganz im Gegenteil von einer "ehemaligen" Strasse sind kaum noch Spuren erkennbar, so dass wir unser Gefährt des Öfteren auseinander bauen müssen, um tief eingeschnittene Bäche, Erdrutsche und dergleichen zu überqueren. Wir schieben also weiter. Weit unten im Tal sehen wir eine LKW mit Holz beladen und schwören eine schöne Strasse herbei, doch als wir unten ankommen, sehen wir uns nur fragend an. Wo ist die Strasse hin? Bis auch wir kapiert haben, dass es keine Strasse - zumindest nach unserer Definition - gibt, sondern dass der LKW schlicht das Bachbett als Strassenersatz benutzt. Es bleibt nichts andes übrig, als ebenfalls durch das Bachbett zu schieben. Florin muss sich mit dem Tandem durchs Wasser kämpfen, während Petra etwas oberhalb zwei Satteltaschen und den Anhänger etappenweise den Bach hinunter trägt. Es schmerzt richtiggehend das neue Tandem mit aller Gewalt über Stock und Stein zu schieben. Um es einfach mal schnell hoch zu heben und auf dem Buckel zu tragen, ist es halt doch etwas zu sperrig. Unsere Schuhe sind durchweicht, die Nerven liegen blank, unser Latein, was das Fluchen angeht ausgeschöpft und es wird bald einmal dunkel werden. Dann hören wir von hinten Gebimmel und eine Kuhherde überholt uns. Frech!
Aber ein paar Meter weiter haben auch wir wieder so etwas wie eine Strasse, na, wenigstens im Format eines Feldweges, unter den Rädern. Wir kommen mitten im Gewusel der Kühe in Komsomol's'k (Комсомольськ) an. Die Herde wird von den jugendlichen Hirtenjungen durch das Dorf getrieben, wobei sämtliche Familien entlang der Strasse in Erwartung ihrer Kuh stehen, so dass uns auch wirklich jeder sieht. So ernten wir einiges an spöttischem Gelächter. In Rus'ka Mokra (Руська Мокра) finden wir im rosaroten "Mini Hotel" ein Zimmer bei einer alten Frau für 60 Hryvnja (± 8 €) und werfen uns müde ins Bett.
2007.07.24 - Tagesstrecke: 89 km
Am Morgen haben wir wieder alle Nerven beisammen und können Ortschaft und Landschaft in aller Ruhe betrachten. Der Name "Deutsch-Mokra" für Rus'ka Mokra (Руська Мокра) geht auf die Besiedlung durch 100 Waldarbeiter auf Geheiss der Kaiserin Maria Theresa zurück. Die österreichischen Arbeiter sollten Holz für die Salzbergwerke an der Theis schlagen. Der Einfluss der Siedler ist auch heute noch verschiedentlich erkennbar, so sind einige Geschäfte, Kaffees und das Eingansschild nach Ust'-Corna (Königsfeld) mit deutschen Namen versehen. Ausser der etwas westlich geprägten Architektur findet man weitere Spuren der Gründer lediglich auf dem Friedhof. Trotz den deutschsprachigen Wurzeln können auch die Leute hier nicht besser deutsch oder englisch.
Die Strassen wollen einfach nicht besser werden. Zum einen nervt das den Lenker, der die schöne Natur immer nur flüchtig betrachten kann und auf dem vorderen Sitz werden die Eingeweide derart verschüttelt, dass der kleinste Holperer zu schmerzen beginnt. Bis Dubove (Дубове) bleiben die Strassen Holperpisten, dann kommen immer mehr geteerte Flächen dazu, bis wir wieder ganze Strassen haben. Wir fahren aus den Karpatenhügeln in Richtung transkarpatische Tiefebene, Richtung der ungarischen Grenze, wobei es wieder merklich heisser wird. Unterwegs treffen wir auf eine Gruppe von fünf unkrainischen Tourenfahrern, die sich für unser Pino begeistern und teilweise sogar richtig gut englisch sprechen können. Wir werden von ihnen eine kurze Strecke begleitet, gefilmt und fotografiert. Sie berichten, dass wir aussergwöhlich gutes Wetter für die Region hätten, es regne sonst viel mehr zu dieser Jahreszeit.
Inzwischen fahren wir beinahe jede Tankstelle an, um zu fragen, ob sie einen Aufkleber mit den Initialen UA für die Ukraine haben. Als Florin wieder eines dieser lotterigen Tankhäuschen aufsucht, staunt er nicht schlecht, als dort zwischen dem Chaos aus Werkzeug, Autoteilen und Schmiere neben dem unrasierten Tankwart auf einem wilden Stapel Papier eine abgewetzte Pistole auf unerwünschte Kundschaft wartet. Doch auch der hier hat keines, der von uns begehrten Souveniers, wie so viele andere Tankstellen. Mittagspause machen wir an einem Fluss, der gleich in typisch ukrainischer Maniere zur Reinigung des Fahrrades missbraucht wird. Durch die nasse und holprige Abfahrt gestern hat das Pino doch gelitten. Die Schrauben am Ständer sind verbogen, der Ständer sebst total verkratzt und alles ist mit einer Sandschicht überzogen.
Weiter geht unsere Fahrt von Tiachiv (Тячiв) in Richtung Khust (Хуст). Kurz vor Khust finden wir völlig unerwartet an ziemlich abgelegender Stelle ein Hotel. Die Verständigung ist recht harzig, da die Dame am Schalter zum Einen nur Russisch spricht und zum Anderen immun gegen jede Art der Verständigung per Gesten scheint. Wir schaffen es trotzdem für 100 Hryvnja (± 14 €) ein Zimmer zu bekommen, das sich dann als 2 Zimmer Appartment herausstellt. Dort kann unser nasses Zelt quer durch die ganze Bude gespannt werden, um zu trocknen und Florin bekommt erneut die Gelegenheit prächtige Blitze zu fotografieren, da am Abend ein heftiges Gewittert aufzieht.
2007.07.25 - Tagesstrecke: 83 km
Da wir unser letztes Geld für das Hotelzimmer ausgegeben haben, fahren wir gleich in die Innenstadt von Khust (Хуст), um Geld abzuheben.
An einer Kreuzung studieren wir gerade mal wieder die Karte, als uns eine alte Frau von der anderes Strassenseite zuruft. Sie ist in den typisch schwarzen Rock mit einem bunten Kopftuch gekleidet und spricht nur Ukrainisch. Wir verstehen leider kein Wort, aber die Frau lässt sich dadurch nicht beirren und redet weiter auf uns ein. Daher versuchen wir unser freundlichstes Lächeln aufzusetzen, nicken und schütteln abwechselnd den Kopf, wo es der Tonfall gebührt. Offensichtlich haben wir einmal den Kopf an der falschen Stelle geschüttelt, da die Frau plötzlich recht aufdringlich mit einem Geldschein vor Petras Nase herumwedelt. Erst glauben wir, dass sie von uns Geld möchte, doch dann kapieren wir, dass sie uns die Note offensichtlich zustecken will. Das Wort "clib" für Brot verstehen wir und reimen unser darauf, dass uns die Frau aufgrund unseres Verkehrsmittels, denn nur ein röhrendes Auto gilt als Wohlstandssymbol, für so arm hielt, dass sie uns Geld für Brot mitgeben wollte. Das kommt uns nun doch etwas sehr ungewohnt vor, wir lehnen das Geld dankend ab und verabschieden uns.
In der Stadt ist der Andrang an den wenigen funktionierenden Geldautomaten enorm. Nach 10 Minuten anstehen, will der Automat aber doch nicht. Ein deutsch sprechender Ukrainer empfiehlt uns in der Fussgängerzone zu suchen. Der Tipp mit der Fussgängerzone erweist sich als erfogversprechend und endlich spuckt ein Automat das gewünschte Geld aus. Damit wird natürlich als erstes Frühstück besorgt, dann geht es ab, aus der Stadt wieder auf die viel angenehmeren Landstrassen.
Nach ca. 20km werden wir von einem Auto überholt, dass prompt auf die Bremse tritt und vor uns am Strassenrand anhält. Es ist der gleiche Typ von vorhin, der uns mit dem Bankautomaten-Tipp weiter half. Er freut sich über unser Tandem und erzählt noch ein wenig von sich, u.a. dass sein Bruder in Singen (Deutschland) arbeitet und er daher etwas Deutsch könne. Dann tauschen wir E-Mailadressen aus und er eilt zum Auto zurück, in dem seine Mutter schon ungeduldig wartet.
Die Nacht verbringen wir in Svaliava (Свалява), einer gemütlichen Stadt mit einer Menge älterer, fotogener Gebäude. Entlang der zentralen kopfsteinpflaster Strasse befinden sich einige Beizchen, die sogar eine warme Küche führen, was sonst sehr selten der Fall war. Wir schaffen es sogar in einem Restaurant unsere erste Vegipizza auf russisch zu bestellen.
2007.07.26 - Tagesstrecke: 83 km
Da wir nun ganz in der Nähe von Mukacheve (Муkачеве) sind und uns die Stadt als sehenswert empfohlen wurde, nehmen wir Kurs in diese Richtung. Die Fahrt ist sehr kurz. In Mukacheve (Муkачеве) empfängt uns erst mal wieder viel Verkehr. Die Autos und Lastwagen drängeln sich aneinander und auch an uns vorbei, so dass wir froh sind endlich in die Fussgängerzone abbiegen zu können. Was uns hier erwartet, ist eine herausgeputzte Altstadt mit einer grosszügigen Fussgängerzone zum flanieren.
Aufgrund der bewegten Geschichte verfügt die Stadt über eine ganze Palette an Namen in den verschiedenen Sprachen. Wie in Uzhorod wurde auch in Mukacheve mit dem Einmarsch der Wehrmacht im März 1944 praktisch die gesamte jüdischen Bevölkerung nach Auschwitz deportiert. Erst mit dem Ende des 2. Weltkrieges wurde die Stadt, die davor zur ehemaligen Tschechoslovakei gehörte, der heutigen Ukraine zugeschlagen und erlebte in der Folge eine starke Industrialisierung.
Auf der Suche nach einem Hotel in der Innenstadt landen wir erst mal nur an ganz edlen 4 Sterne Adressen, die für unseren Geldbeutel doch etwas ruinös sind. Mit einem Stadtplan ausgerüstet, suchen wir etwas ausserhalb und finden eine etwas günstigere Variante von Hotel inmitten von heruntergekommenen Plattenbauten. Allerdings sind die Besitzer nicht sonderlich freundlich und knöpfen uns auch noch glatt 10 Hryvnja (± 1 €) für den Tandemstellplatz ab, der schliesslich aus einem schmalen Eckchen im Hinterhof neben der glänzenden Geschäftskarrosse bestand. Dass jemand einen Aufschlag auf das das Fahrrad erhebt, passiert uns das erste und letzte Mal auf unserer Fahrt.
Nach einem herzhaften Nickerchen rappeln wir uns wieder auf und erkunden die Stadt. Zuerst wollen wir die Burg Palanok aufsuchen, die auf einem Vulkankegel 68 Meter über der Stadt thront. Die Burg wurde unter ungarischer Herrschaft im 13. Jahrhundert erbaut und seither zu unterschiedlichen Zwecken benutz, vom Gefängnis, einer Kaserne über eine Landwirtschaftsschule, bis hin zum Museum, das sich heute mit der Geschichte der Burg und der Stadt befasst. Doch ausgerechnet dieser Tage werden die Gebälichkeiten renoviert, was heisst, wir müssen draussen bleiben. Immerhin bietet der Punkt eine herrliche Aussicht auf die Stadt.
In der Innenstadt gibt es viele verhältnismässig teuere Kaffees und Geschäfte. Eine Gruppe BMX-ler ist auch unterwegs und findet das Pino absolut "cool" was aber leider das einzige Englische Wort in ihrem Wortschatz ist.
Die Nacht in unserem Hotel wird zur Nervenprobe, da sich neben uns noch eine Unmenge Stechmücken heimlich eingemietet hat. Diese verfügen hier neben einem ausgeprägten Saugapparat über einen gewaltigen, geräuschvollen Motor, der uns kaum weggedämmert, immer wieder hoch fahren lässt. Florin ergeht sich in regelrechten Blutschlachten mit diesen mühsamen Zimmergenossen.







































