VeloBaltica 2004
Kurzbeschrieb der Reise
David Siegrist und Florin Rutschmann reisen per Nachtzug nach Rostock und per Fähre nach Tallinn, wo sie ihre Fahrradtour durch Estland starten. Auf ihrer Route durch den Lahemaa Nationalpark Richtung Narva erleben sie eine abwechslungsreiche Landschaft, historische Stätten wie die Klosterruine Pirita und das Herrenhaus Sagadi, sowie zahlreiche Abenteuer – darunter ein gebrochener Lenkervorbau, aggressive Wachhunde, Regenschauer und eine Kuhherde. Nach insgesamt rund 438 Kilometern auf teils holprigen Schotterpisten erreichen sie erschöpft, aber zufrieden die Grenzstadt Narva.
Angaben zum Fotografen

Florin Rutschmann
Seit Jahren stellt er mit Makrobjektiv und Kamera den Heuschrecken nach, mit dem Ziel möglichst alle Arten Europas einst dokumentieren zu können. Neben den Tätigkeiten bei Orthoptera.ch arbeitet er als Projektleiter im praktischen Naturschutz.
19.08.2004 - Tagesstrecke: 8 Km
Die Strecke von Pärnu über die Via Baltica nach Riga ist mir aus der letztjährigen Fahrradtour noch lebhaft in Erinnerung. Nichts Schönes, eine schnurgerade, gosse, lärmige, dreckige und monotone Strasse, die man auf weiten Strecken in Lettland nicht meiden kann. Will man nicht grössere Umwege über das Landesinnere machen. Das wäre zwar auch schön, doch fehlt uns dazu leider die Zeit. Also entscheiden wir uns für die Strecke nach Riga den Bus zu nehmen. Von anderen Radfahrern haben wir gehört, dass dies kein Problem sei, wenn genügend Platz vorhanden ist und der Fahrer guter Laune sei.
Der nächste Bus fährt erst abends, bis dahin schlagen wir uns von Kaffee zu Kaffee zu Pizzeria durch. Immer wieder werden wir von Leuten angesprochen, die sich nach den Möglichkeiten für Radfahrten im Baltikum erkunden. Ein junger Senior, so richtig in der Midlife Crisis, setzte sich zu uns an den Tisch und hält uns einen unendlichen Monolog von seiner Radtour. Endlich kommt er zum spannenden Teil. Er erzählt, was wir auf keinen Fall machen sollen. Die Strecke von Kolka Richtung Ventspils sei die Hölle, das macht uns hellhörig und sogleich ist es beschlossene Sache; diese Strecke wird unser nächstes Ziel.
Endlich ist es soweit, der Bus fährt vor, die Spannung steigt. Tatsächlich, es hat genügend Platz, auch wenn es eng wird, und der Fahrer erklärt sich bereit, die Sache mit zu machen. Nach einer monotonen Fahrt sind wir ein paar Stunden später in Riga. Ich bereue es, vor einem Jahr nicht auch auf diese Idee gekommen zu sein.
Der Tipp eines Nordkoreaners in Pärnu erweist sich zu später Stunde als ideal. Er empfahl uns den Campingplatz hinter dem internationalen Ausstellungszentrum in Kipsala, das sich unweit von der Altstadt befindet. Von hier aus ist man auch zu Fuss in wenigen Minuten im Zentrum der Stadt.
20.08.2004 - Tagesstrecke: 14 Km
Hier schlägt uns das Wetter ein echtes Schnippchen. Es regnet beinahe ununterbrochen und die Temperaturen sinken zeitweise bereits auf ungemütliches Herbstniveau.
Für diese Stadt sollte man sich trotzdem etwas Zeit nehmen und auch mal in der Geschichte schmöckern. Sie liest sich nicht selten wie ein Kriminalroman.
Riga, die Geschichte dieser Stadt verschlingt Bände von Büchern. Nach jahrelangen Versuchen von deutsch christlichen Missionaren die heidnischen Völker an der Düna zum Christentum zu bekehren und zu Taufen segelte Bischof Albert von Buxhöven 1201 mit dem Segen des Papstes an die Düna. Von seinen gescheiterten Vorgängern gelernt, führt er im Gepäck eine kleinen Armee von bewaffneten Pilgern mit sich. Albert begründete 1201 Riga als zweite deutsche Stadt neben Lübeck an der Ostsee. Dem Bischof waren alle Mittel recht, sich die Heiden zu unterwerfen, wozu ihm die Rivalitäten zwischen den einzelnen Völkern nur nützlich waren. Er gründete im Namen des Papstes und der missionarischen Pläne einen Schwertritterorden, der seinen dauerhaften Schutz gewährleisten konnte.
Bereits 1282 trat die Stadt der Hanse bei, denn sie galt als wichtiges Handelszentrum für den asiatischen Markt. Somit war die Wichtigkeit als Wirtschaftsmotor und als politisches Schwergewicht für den Grossraum des heutigen Baltikums gelegt.
In den Jahren 1931 bis 1935 wurde die vom Architekten Ernest Štālbergs entworfene Freiheitsstatue im Zentrum von Riga errichtet. Seither steht die 42 Meter hohe Freiheitsstatue im Mittelpunkt der lettischen Unabhängigkeit und des nationalen Zusammenhalts. Die drei goldenen Sterne, die von einer Mädchenfigur in die Höhe gestemmt werden, stehen symbolisch für die historischen Provinzen Kurzeme, Vidzeme und Letgale. Den Sowjets war dieses lettische Symbol für "Vaterland und Freiheit" während sämtlichen 52 Jahren der Okkupation ein wahrhafter Dorn im Auge. Doch scheiterten jegliche Versuche den Dorn zu entfernen am Widerstand der Letten.
Die zivilisatorischen Unterschiede zwischen den ländlichen Gebieten und der Millionenmetropole sind unübersehbar. Der Lebensstandart, die Preise und die Technik sind zumindest im Zentrum auf dem üblichen europäischen Niveau. Was hingegen auffällt, sind die vielen Rentner, meist Frauen, die am Strassenrand in gesundheitlich schlechtem Zustand um ihre Existenz betteln. Ein grosser Teil der Rentnergeneration hat den Sprung von der sowjetischen Zentalwirtschaft in die Marktwirtschaft nicht richtig geschafft. Sie fristen den Lebensabend meist mit einer schäbigen Rente, die weit unter dem Existenzminimum liegt. Zudem werden Geschichten von skrupellosen Immobilienhändlern erzählt, die sich die Unweissenheit der Älteren zu Nutzen machen, um an den lukrativen Wohnraum in der Stadt zu kommen.
21.08.2004 - Tagesstrecke: 74 Km
Die Zeit drängt, bereits nach einem einzigen Tag in Riga müssen wir wieder aufbrechen.
Bei der Fahrt aus Riga haben wir den Fahrradweg verpasst, und finden uns schliesslich auf der Autobahn wieder. Macht nichts, das ist immerhin die schnellste und direkteste Art aus einer Grossstadt wie Riga ohne lange Irrwege durch endlose Vororte hinaus zu finden. Es ist auch nicht das erste und letzte Mal. So abwegig, wie wir uns das vorstellen, ist dies überhaupt nicht. Die Balten fahren mit allem und jedem, was schneller als Schritttempo erlaubt auf den Autobahnen umher. Dafür sind Tempo und Fahrstil den Umständen entsprechend anständigen.
Die Stadt scheint trotz Autobahn unendlich. Zusammen mit Jūrmala bildet Riga ein endloses Häusermeer bis direkt vor den Kemeru Nationalpark. Die Strände im Nationalpark entsprechen dafür echten Träumen. Weisser Sandstrand soweit das Auge reicht. Das wissen auch die Letten zu schätzen und fahren an den arbeitsfreien Tagen in Scharen in den Park. Entlang der Hauptstrasse Richtung Kolka finden sich alle paar Kilometer Parkplätze, die von den Einheimischen trotz Verboten zum campieren genutzt werden. Am Parkplatzeingang befindet sich meist ein Aufpasser, der eigentlich das Campieren verhindern sollte, doch der scheint sich an der regen Gesellschaft zu freuen, besonders natürlich an den nahrhaften flüssigen Gefälligkeiten der Gäste!
Entlang der Hauptverkehrsadern auf dem Land, verkaufen die Menschen ihre eigenen Produkte. So können wir uns mit bestem Gemüse eindecken. Unsere rein vegetarische Reiseküche nimmt jeden Abend ganz schön Zeit in Anspruch, doch dafür bieteten die variablen Saucenzutaten neben den Nudeln etwas Abwechslung.
An der Küste einige hundert Meter vor Engure finden wir eine schöne Stelle, an der wir uns gleich nieder lassen, es uns gut ergehen lassen, den Abend und die Freiheit an der frischen Luft einfach nur geniessen.
22.08.2004 - Tagesstrecke: 93 Km
Kaum sind wir ein paar hundert Meter gefahren und haben die Ortschaft Engure erreicht, beginnt es von oben zu tropfen und das nicht gerade sanft. Kurzerhand verkriechen wir uns in die verlockend duftende Bäckerei und frühstücken einige staubig-trockene Backwaren zu schwarzem Kaffe - die Milch ist halt gerade zu Ende gegangen.
Endlich ist es wieder trocken, zumindest von oben. Doch wir treten nur ein paar Umdrehungen weit, da entdecken wir den alten Fischerhafen von Engure. Eine wahre Fundgrube fürs Auge. Dazu machen sich gerade einige blaue Flecken am Himmel breit, was die mysteriöse Stimmung an diesem Ort noch verstärkt. Wir haben das Gefühl, der Geschichte ganz nah zu sein und unsere Fantasien über das Leben hier vor der Unabhängigkeit schlagen hohe Wogen. Nur zögerlich können wir uns von dem Hafen trennen.
Die gesamte Fahrt entlang dem Meerbusen von Riga ist landschaftlich genau nach unserem Geschmack. Stille und weite Nadelwälder auf sandigem Untergrund verlocken zum verweilen. Schliesslich erreichen wir mit dem Eindunkeln unser Tagesziel, Kolka und beziehen auf dem spartanischen Campingplatz unser Quartier. Es gibt keine Duschen und nur Plumpsklos. Der Preis entspricht mit 1 Lt . (Lats) (± 1.5 €) auch unserem Budget.
Auf dem Campingplatz treffen wir auf andere Radfahrer aus Berlin, mit denen wir uns den Abend lang über Erfahrungen und Tipps austauschen können.
23.08.2004 - Tagesstrecke: 11 Km
Das Wetter sieht am Morgen nicht sehr viel versprechend aus. Neben dem schönen und erholsamen Ort an sich, ein Grund mehr noch etwas liegen zu bleiben und gleich einen Ruhetag einzulegen.
Gegen Mittag klart der Himmel auf, so dass wir in aller Ruhe die Umgebung am Strand und im Slīteres Nationalpark erkunden können.
Weite Teile der Küste waren Jahrzehnte lang isoliertes militärisches Sperrgebiet, da die Ecke rund um Kolka im Kalten Krieg strategisch von wichtiger Bedeutung war. Sperrgebiet, das nicht einmal von den Einheimischen betreten werden durfte, und selbst die lettischen Behörden wurden über das Geschehen am Standort im Dunkeln gelassen. Die ansässigen Fischer und Bauern in den kleinen Dörfchen wurden assimiliert oder vertrieben. Die Geheimhaltung der Raketenbasen war der Roten Armee derart wichtig, das die Dörfer, welche sich innerhalb der Sperrzone befanden von den Landeskarten gelöscht oder fälschlicher Weise an anderen Stellen eingezeichnet wurden. Auch wenn die meisten Spuren jener Zeit entfernt wurden, lassen sich entlang der Küstenlinie im Slīteres Nationalpark noch heute verschiedene Relikte der Sowjets finden.
Den Abend verbringen wir wieder am Feuer mit Diskussionen über die Welt, Politik und was natürlich niemals fehlen darf, sind all die Geschichten über Erlebnisse während der Reisen.
24.08.2004 - Tagesstrecke: 99 Km
Die Strasse durch den Slīteres Nationalpark, welche von den Sowjets schnurgerade durch den Wald geschlagen wurde, wurde bis heute kaum verändert. Durch die absolute Isolation der Region und die paar wenigen Menschen, die noch eine eher spärliche Landwirtschaft betrieben, hat vor allem die Natur profitiert. Das Interesse der Militärs galt einigen wenigen Punkten an der Küste und der Verbindungsstrasse, der ganze Rest war für sie nicht von Bedeutung. Durch die ungestörte Sukzession bildeten sich ausgedehnte und dichte Wälder, die durch ihre Wildheit an Urwälder erinnern. Auch die Vogelwelt profitierte von der Ruhe, so brüten seit längerem Schwarzstörche im Nationalpark.
Einige Radfahrer, die wir trafen, warnten uns eindringlich vor dieser Strecke. Die Schotterpiste sei kaum zu befahren und eine endlose Angelegenheit. Je grösser das Gejammer, desto eher wollen wir diese Strecke fahren. Auch für uns wurden es schliesslich lange 50 Km, doch der Spass überwog doch noch dabei. Der Vorteil meiner Federgabel macht sich hier deutlich. Während David über schmerzende Schultern und Handgelenke klagt, beschränken sich die Unannehmlichkeiten bei mir auf das übliche, den Allerwertesten.
Kaum haben wir wieder befestigte Strasse unter uns, geht es rasant auf Ventspils zu. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir die Touristeninformation und fragen nach preiswerten Übernachtungen. Mit einer Liste von Privatzimmern in der Hand fahren wir die erste günstigste Adresse an. Ungläubig stehen wir schliesslich vor einem tristen, grauen Bau, der so überhaupt nicht nach Touristen aussieht. Ein paar Mal fahren wir die Strasse auf und ab, um ganz sicher zu sein, dass dies die richtige Adresse ist.
Es nutzt alles nichts, also drücken wir todesmutig die Klingel. Und tatsächlich, mit kurzer Verzögerung auf das Scheppern der Klingel geht ein lautes Theater samt Hundegebell hinter dem verschlossenen, riesigen hölzernen Eingang los. Doch bis uns jemand öffnet dauert es. Zögerlich tut sich in der lotterig grauen Türe einen Spalt weit auf und eine grosse, porige Nase zeigt sich misstrauische im dunklen Türspalt. Nach einigen englischen Wortfetzen fliegt die Tür ganz auf, eine Grossfamilie über drei oder gar vier Generationen steht im Hof und starrt uns an. Dann ergreift der kleinwüchsige, aber gut genährte Patriarch im abgetragenen Jogginganzug, das Kommando. Es kann ihm alles nicht schnell genug gehen. Bevor wir uns versehen, ist das Gepäck einquartiert, einige belegte Brote mit Tee stehen bereit und die Wäsche wollen sie uns auch gleich noch waschen. Doch nach einigem Zögern schlagen wir das letzte Angebot vorsichtshalber aus, denn unsere Wäsche stinkt zum Himmel. Die wollen wir der Familie nicht zumuten.
Die Wohnung, die wir hinter der abweisenden Fassade der Villa Mazais beziehen, könnte nicht besser sein. Eine komplett ausgestattete Wohnung, mit Blick auf den grosszügigen Garten der Familie, den man von der Strasse aus keinen Falls vermuten würde. Das ganze kostet uns gerade mal 3 Lt. (± 4.5 €) pro Person und Nacht.
25.08.2004 - Tagesstrecke: Ruhetag
Als am Morgen die ersten Regentropfen fallen, verlängern wir den Aufenthalt in der trockenen Villa Mazais um eine weitere Nacht. Als es mittags etwas aufklart, erkunden wir die Stadt ein wenig.
Auch die Gründung von Ventspils geht auf die deutschen Ordensritter zurück. Sehr rasch entwickelte sich eine umtriebige Hansestadt, die jedoch mit dem Aufkommen der Pest in der Bedeutungslosigkeit versank. Ganze sieben Familien sollen die Epidemie überlebt haben. Erst im 20. Jahrhundert fand die Stadt zur alten wirtschaftlichen Blüte zurück. Wesentlicher Grund ist die ganzjährig eisfreie Bucht, was für den Hafen von Riga nicht zutrifft und dort den Handel erschwert. Den neuen Aufschwung brachte aber vor allem die Eisenbahn, die Ventspils mit Rybinsk (Рыбинск) in Russland verband. Damit die aus Russland und Sibirien antransportierten Waren verarbeitet werden konnten, wurde der Hafen laufend ausgebaut und vergrössert. Von zentraler Bedeutung für Russland wurde der Hafen auch im Zusammenhang mit den russischen Erdölexporten, wobei der Bau einer Pipeline in den 60er Jahren mit dem symbolischen Namen "Druschba" (für Freundschaft) das schwarze Gold aus den sibirischen Ölfeldern direkt an den Hafen führte. Neben dem Rohöl diente der Hafen unter anderem auch als Umschlagplatz für Düngemittel. Der Lockere Umgang mit den toxischen Stoffen führte zu erheblichen Umweltbelastungen an Land ebenso, wie zu Wasser und in der Luft. Daneben war der Fischfang und vor allem die fischverarbeitende Industrie ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor, der zwar Arbeitsplätze brachete, aber sich gleichermassen an der Zerstörung und Ausbeutung der Lebensgrundlagen beteiligte.
Die Belastung der Gewässer führte bald zum Badeverbot an den einladenden Sandstränden. Daneben besorgte die Luftqualität den Rest. Wie sämtliche Balten, sind auch die Letten dem politischen Widerstand historisch entwachsen. Am 3. September rief der ansässige Umweltschutzclub zu einem "Gebet für die Ostsee" auf. 300'000 Menschen aus dem ganzen Baltikum folgten dem Protestaufruf und bildeten eine 20 Km lange Menschenkette.
Die Proteste führten zur Einrichtung von grünen Parks in der Stadt und verhinderten einen weiteren Ausbau des Hafens durch Russland als wirtschaftliches Nadelöhr zum Westen.
Die Stadt selbst ist eher bescheiden. Das Zentrum mit Fussgängerzone beschränkt sich auf einen Abschnitt von ca. 200 Metern. Durch die vielen Parks geht Ventspils die städtische Atmosphäre weitestgehend verloren. Der Stadtkern ist verstreut, weitläufig und wird von grösseren Transitstrassen durchzogen.
26.08.2004 - Tagesstrecke: 100 Km
Das Wetter sieht am Morgen immer noch nicht viel besser aus. Doch wir müssen nun definitiv aufbrechen. Als wir endlich starten, kommen zeitweise sogar einige Sonnenstrahlen durch.
Die ständigen Begleiter Wind und Wetter, veranlassen uns ihnen etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen und in einem eigenen Axiom zu verewigen - im Guten wie im Schlechten.
Das 1. Balt'sche Naturgesetz lautet: Der Wind kommt immer von vorne. Unabhängig von der eingeschlagenen Fahrtrichtung.
Das 2. Balt'sche Naturgesetz besagt, dass immer wenn Regen einsetzt ein Bushäuschen in unmittelbarer Nähe ist. QED.
Nach den 100 Kilometer gegen den Wind erreichen wir erschöpft Vergale, eine kleine Ortschaft auf einer Anhöhe unweit der Küste. In Mitten des Dorfes befindet sich ein malerischer See. Auf unserer Karte ist hier direkt an dem See eine Herberge eingezeichnet, die wir verzweifelt suchen. Schliesslich befragen wir ein paar hübsch Ladies, die sofort ihr Natel zücken und uns mit jemandem verbinden, der auch ein paar Worte Deutsch spricht. 10 Minuten später ist die Verantwortliche des Gebäudes von der anderen Dorfseite hermarschiert und erklärt uns die Bude.
Wir haben gerade noch Glück, das Schulhaus wird während den Sommerferien zur Herberge umfunktioniert, denn in einer Woche nimmt es den regulären Schulbetrieb wieder auf. Ausser uns befinden sich lediglich ein paar Handwerker in dem riesigen Gebäude, die später auch das Haus verlassen.
27.08.2004 - Tagesstrecke: 77 Km
Am Morgen des 27.08.04 fahren wir wieder einmal etwas abseits auf einer Schotterpiste. Mit dem Ziel an den Strand zu gelangen, doch kein Weg führt uns dort hin. Stattdessen knattert plötzlich eine Salve unweit von uns durch den stillen Kiefernwald. "Die werden ja schon wissen, was sie tun!" beruhigen wir uns. Etwas weiter sichten wir den Verursacher der Geräusche. Die lettische Armee verbleit gerade einen wunderschönen Strand. Das erklärte auch die Plakate allenthalben, auf denen um junge Soldaten gebuhlt wurde. Auch in Liepāja treffen wir auf die üblichen Plattenbausiedlungen die in den Vororten der grösseren Industriestädte zu finden sind. Hier in Liepāja, der drittgrössten Stadt Lettlands wurden die Plattenbauten von der russischen Armee für deren Marineoffiziere errichtet. Die Stadt wurde geprägt von der starken Militärpräsenz rund um den Marinehafen. Selbst bis 1990 war die Stadt für Touristen gesperrt. Die Atmosphäre in den Innenhöfen der Siedlungen ist jedoch wider jeder Vermutung sehr angenehme und freundlich.
Schon etwas grotesk wirkt der Anblick der stolzen Orthodoxen Kathedrale St. Nikolaus, die durch einen hohen Zaun mitten zwischen den Plattenbauten wie auf einer Insel abgeriegelt ist. Der Bau geht auf das Geheiss des russischen Zaren Nikolaus II um 1903 zurück und steht im Zusammenhang mit dem Ausbau des Kriegshafens. Während der Sowjetzeit wurde das Gotteshaus jedoch arg gebeutelt. Es diente als Disco und Kino oder wurde vom Kosmol-Klub zu Agitationsveranstaltungen genutzt. Nach der Unabhängigkeit wurde die Marienkathedrale der russischen Gemeinde übergeben, die das Gebäude seither wieder in Stand stellt.
Die traditionellen Campingplätze im Baltikum entsprechen meist nicht dem, was wir unter einem Campingplatz verstehen. Es sind Feriendörfer, welche von den Einheimischen während den Sommerferien bevölkert wurden und werden. Das Reisen in fremde Länder schien für viel Balten bis vor nicht all zu langer Zeit aus verschiedenen Gründen keine Option zu sein. Heute dienen die maroden Feriencamps am Wochenende zusätzlich als Partylocation der Jugend, bis die Dächer einstürzen. Solche Campingplätze sind immer eine Übernachtung wert, für 2-5.- SFr. kann hier genächtigt werden. An die sanitären Anlagen sind jedoch nicht all zu hohe Ansprüche zu stellen.

















































