VeloBaltica 2004
Kurzbeschrieb der Reise
David Siegrist und Florin Rutschmann reisen per Nachtzug nach Rostock und per Fähre nach Tallinn, wo sie ihre Fahrradtour durch Estland starten. Auf ihrer Route durch den Lahemaa Nationalpark Richtung Narva erleben sie eine abwechslungsreiche Landschaft, historische Stätten wie die Klosterruine Pirita und das Herrenhaus Sagadi, sowie zahlreiche Abenteuer – darunter ein gebrochener Lenkervorbau, aggressive Wachhunde, Regenschauer und eine Kuhherde. Nach insgesamt rund 438 Kilometern auf teils holprigen Schotterpisten erreichen sie erschöpft, aber zufrieden die Grenzstadt Narva.
Angaben zum Fotografen

Florin Rutschmann
Seit Jahren stellt er mit Makrobjektiv und Kamera den Heuschrecken nach, mit dem Ziel möglichst alle Arten Europas einst dokumentieren zu können. Neben den Tätigkeiten bei Orthoptera.ch arbeitet er als Projektleiter im praktischen Naturschutz.
28.08.2004 - Tagesstrecke: 77 Km
Das Wetter will und will einfach nicht besser werden, der Herbst steht spürbar vor der Tür. Trotzdem müssen wir Richtung litauische Grenze aufbrechen.
Auf der Fahrt durch die kleinen Dörfer erleben wir immer wieder die witzigsten Begegnungen. Die Leute sind stets freundlich und grüssen mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Andere wiederum fragen erst nach unserem Weg, wie die beiden Letten in Kalēti, und geben dann lange und ebenso detaillierte Beschreibungen und Erklärungen dazu ab. Erst auf Russisch, dann auf Lettisch und wenn dies auch nichts nützt, mit Händen und Füssen und einer Mixtur aus allen nur erdenklichen Sprachfetzen. Alles untermalt mit einer zeitweise beinahe bedrohlichen Gestik. Auch wenn die Männer meistens angetrunken sind, oder zumindest eine gewaltige Bier-Fahne verbreiten, wurden wir immer freundlich und mit Interesse behandelt, auch wenn die Gesichter manchmal gar nicht danach aussahen.
Die Grenzen zwischen den baltischen Staaten sind schon annähernd Geschichte - leider. Der Grenzübertritt war noch vor wenigen Jahren immer ein riesen Spektakel, für das man schon etwas Zeit und Geduld mitbringen musste. Heute geht das ohne Wartezeit, ohne Stempel und ohne dass der Grenzbeamte vor einem salutiert. Ein kurzer Blick in die Papiere genügt und die Reise kann weiter gehen.
Vor Salantai holen uns immer wieder kräftige Regenschauer ein. Als wir bemerken, dass wir bei dem Gegenwind und den andauernden Stopps nicht vom Fleck kommen, entschliessen wir uns, auf Teufel komm raus, durch den Regen zu pedalen. Bereits als wir in Salantai Richtung Platellai und Zemaitijos Nationalpark abbiegen, sind wir gut angefeuchtet. Weite Strecken fahren wir auf sandig, nasser Piste und der Regen legt noch einmal zu. Es ist zum verzweifeln, die Kleider kleben am Körper, sind schwer und kalt und dazu bietet der nasse Sandbelag zusätzlichen Widerstand. Auch die Ketten hören sich bereits wie ein echtes russisches Fahrrad an und leisten Widerstand. Wäre mir in Platellai aus dem Vorjahr nicht eine noble Unterkunft bekannt, hätten wir schon längst einen Unterschlupf gesucht, oder zumindest die Regenkleidung vollständig montiert. Es dunkelt um 19:00 Uhr bereits ein, als wir Platellei und die netten Hütten erreichen. Zum Glück gibt es dort eine unbenutzte Sauna, die wir als Trockenraum missbrauchen können.
29.08.2004 - Tagesstrecke: 84 Km
Der Himmel klart fleckenweise auf. Wir fahren gemütlich aber stetig durch die schöne Seenlandschaft des Zemaitijos Nationalpark in Richtung Klaipeda. 10 Km vor Klaipeda haben wir keine andere Wahl, als wieder einmal die Autobahn zu benutzen. Das geht ganz gut, auch wenn sie hier eindeutig schneller fahren als noch in Lettland.
In Klaipeda angekommen verfluchen wir zum x-ten Mal unseren Dumont Reiseführer, der oft Fehlerhaft ist. Da werden Unterkünfte angepriesen, die es nie gab und geben wird, oder dann sind die günstigen und grosszügigen Hotels ziemlich teure, herunter gekommene Bruchbuden, die den Preis nicht wert sind.
Klaipeda wäre durchaus eine spannende und gemütliche Stadt , wären da nicht die Scharen von Touristengruppen. Aufgrund der Nähe zur Kurischen Nehrung ist die Stadt Ausgangspunkt für unzählige Busreisen hauptsächlich aus Ostdeutschland.
30.08.2004 - Tagesstrecke: 66 Km
Bei dem hohen Preis für die Übernachtung im Hotel Astra in Klaipeda, nutzen wir die einigermassen bequemen Betten und verschlafen den Morgen. Gegen Mittag nehemen wir die kleine Fähre, die uns für 3.- Ls pro Person über das Haff bringt. Direkt an der Strasse, die von der Ankunftplattform weg führt, ist ein Fahrradweg grosszügig signalisiert. Die Route ist zwar nicht die schnellste, doch die Landschaft der Kurischen Nehrung entschädigt alle Mal für die etwas längere Strecke. Doch dann ist es irgendwann passiert! Entweder haben wir einen Wegweiser verpasst, oder aber der Weg wird tatsächlich immer schlechter und endet in einer schönen Sandpiste. Schliesslich finden wir zurück auf die Hauptstrasse, was auf dem schmalen Landstreifen nicht sehr schwierig ist.
In Nida nisten wir und auf dem einzigen Campingplatz der Kurischen Nehrung ein. Stoltze 50.- Ls trotzt uns die Dame am Empfang ab. Dafür bietet der Platz auch allen komfort, den man sich wünscht. Vor allem saubere Toiletten und eine Dusche.
31.08.2004 - Tagesstrecke: 17 Km
Endlich sind wir auf der sagenumwobenen Kurischen Nehrung. Doch das Wetter will nicht so richtig mitspielen. Ständig ist der Himmel wolkenverhangen und mit Regen werden wir auch immer wieder beglückt. Der Herbst hält spürbar einzug. Die seltenen Augenblicke, wenn der Himmel aufklart, geniessen wir dafür umso mehr.
Wenn die Sonne dann einmal am blauen Himmel zu sehen ist, wird der Nationalpark, mit den über 60m hohen Dünen die Wüste Europas, zur Augenweide. Besonders die Morgenstunden, wenn sich die Touristenmassen noch nicht über die sanften Sandberge ergiessen, haben es uns angetan. Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass Thomas Mann, der hier in Nida ein Sommerhaus sein Eigen nannte, bei dieser Kulisse nicht zu besserer Inspiration gelangte.
01.09.2004 - 04.09.2004
01.09.2004 - Tagesstrecke: 12 Km
02.09.2004 - Tagesstrecke: 66 Km
03.09.2004 - Tagesstrecke: 8 Km
04.09.2004 - Tagesstrecke: 22 Km
Die letzten Tage vor der Rückreise geniessen wir bei wechselhaftem Wetter und herbstlichen Temperaturen auf der Kurischen Nehrung. Zwischen den Nickerchen erkunden wir immer wieder die Umgebung. Eigentlich würden wir die Strecke zurück in die Schweiz gerne gleich meit dem Fahrrad selbst abstrampeln, wenn da nur der gute Faktor Zeit nicht wäre!



























